An(ge)dacht März 2020

Gutes tun

„Jesus aber antwortete: »In der Heiligen Schrift steht: ›Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.‹« (Matthäus 4,4)

Mit dem Aschermittwoch beginnt die Zeit vor Ostern. Vierzig Tage sind es. Eine Fastenzeit, in der an das Leiden Christi und seinen Weg zum Kreuz gedacht wird.

Das Fasten ist eine uralte religiöse Übung. „Sieben Wochen ohne“ als Ausdruck der inneren Beteiligung. Eine Zeit des freien und freiwilligen Verzichts auf etwas, das einem ansonsten gewohnt und lieb ist: keinen Alkohol trinken, auf das Autofahren verzichten, Plastikabfall vermeiden, vegetarisch essen.

Die Beispiele machen bereits deutlich: es geht nicht nur um einen selbst, sondern um das Zusammenleben aller. Jetzt und in Zukunft, in einer lebenswerten Welt für alle. Mensch und Natur. Christsein ist eben nicht nur Abkehr vom Bösen, sondern Hinkehr zum Guten. Dieses Gute ist keine abstrakte Sache, sondern es muss konkret werden.

Die Fastenzeit leitet dazu an, Gutes zu tun. Darin hat Erich Kästner mit seinem bekannten Spruch recht: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut“. Das Gute ist nicht abstrakt. Das gilt für Christen umso mehr, weil im Glauben das Gute nicht ein irgendein Etwas, nicht ein jenseitiger philosophischer Wert ist, sondern ein Gesicht hat: das Gesicht Jesu von Nazareth. Er ist der Gute, das Gute in Person. Mehr als alle anderen Zeiten des Kirchenjahres steht darum die Fastenzeit im Zeichen des Kreuzes. Es ist der Anziehungspunkt, der eigentliche Bezugspunkt für Christen.

Könnte es nicht eine Fastenanregung sein, in dieser Zeit bis Ostern bewusst Gutes zu tun? Zum Beispiel jemandem helfen, der es allein nicht schafft. Widersprechen, wenn jemand schlecht über Flüchtlinge redet. Einsamen Zeit schenken.

Das Kreuz als Zeichen für Leid wird so zum Symbol der Überwindung von Leid. Das soll es immer sein – aber die Wochen der Passionszeit bis Ostern sind doch mal ein Anfang dafür!

Pfarrerin Ksenija Auksutat

An(ge)dacht Januar 2020 – Gedanken zur Jahreslosung

Am Ende der Tage
werden wir zurückschauen.
Und wir werden sagen:
Ich habe geglaubt.

Und wir wissen:
Jederzeit kannst du fallen,
jederzeit alles verlieren.
Deine Arbeit, deinen Partner,
deine Eltern, sogar deine Kinder.
Freundschaften können zerbrechen,
Liebe kann einfach weggehen.
dein Körper kann krank werden. Einfach nicht mehr mitmachen.

Am Ende der Tage
werden wir zurückschauen.
Und wir werden sagen:
Ich habe geglaubt.

Und wir wissen:
Wir waren in ausweglosen Situationen.
Wir waren verzweifelt, wir haben gebetet,
wir haben nachts geschrien: „Tu endlich etwas, Gott!“
und es kam nicht so, wie wir das wollten.

Am Ende der Tage
werden wir zurückschauen.
Und wir werden sagen:
Ich habe geglaubt.


Wir sind Expertinnen und Experten
für Krankheiten,
für Liebeskummer,
für Abschiede.
Und wir lassen uns nicht abspeisen
mit guten Ratschlägen,
freundlichen Auslegungen der Schrift,
oder bunt illustrierten Heftchen.
Nicht für das, was wir mit Gott haben.

Am Ende der Tage
werden wir zurückschauen.
Und wir werden sagen:
Ich habe geglaubt.

Und wir lebten unser Leben,
anders als wir es gedacht hatten.
Sammelten Narben und Falten und Erinnerungen,
fielen hin, wurden aufgerichtet,
manche von uns wieder und wieder.

Und niemand kann uns Unglaube vorwerfen.
Wir schauen zurück und wir schauen voraus.
Und wir sagen: Ich glaube.
Und das genügt.
Auch für unseren nächsten Schritt.

Pfarrerin Ksenija Auksutat

An(ge)dacht November 2019 – Am Ende steht die Zuversicht

Hiob hat alles verloren: seine Töchter und Söhne, dazu das, was er besaß. Nun breiten sich auch noch auf seinem Körper Geschwüre aus. Viele Menschen machen einen Bogen um ihn. Drei Freunde aber kommen und stehen ihm bei. Sieben Tage lang schweigen sie mit ihm. Ich stelle mir vor, wie gut das tut. Keine Erklärungsversuche, kein billiger Trost. Nur Aushalten. Schweigen da, wo Worte nicht reichen. Sieben Tage lang.

Dann aber meint einer, nun müsse doch endlich die Ursache für solch ein Unheil geklärt werden. Alle drei weisen nun Hiob die Schuld zu. Sein Leiden sei eine Strafe Gottes. Hiob aber wehrt sich energisch. Nein, sagt er, andersherum sei es: Gott habe ihm Unrecht getan. Er wütet und tobt. Er ringt mit den Freunden und zugleich mit Gott. Doch dann schlägt er einen anderen Ton an: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, ruft er. Ob diese Wende sich erst vollziehen kann, nachdem alles andere ausgesprochen ist und Hiob Wut, Klage und Verzweiflung zum Himmel schreit?

Hiob zeigt mir: In den schwarzen Zeiten meines Lebens muss ich nicht immer glaubensstark sein. Ich darf zweifeln, klagen, anklagen und fluchen. Gott hält das aus. Nicht er bringt Unheil über mich, schon gar nicht, um mich zu strafen. Die Frage nach dem „Warum“ muss und darf also offenbleiben. Um des Menschen und um Gottes willen.

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Dass am Ende diese Zuversicht stehen darf, darum bitte ich.

Tina Willms
„Der Gemeindebrief“

An(ge)dacht Oktober 2019 – Riskiere deinen Reichtum

Riskiere deinen Reichtum

Ein Mädchen macht es vor: Aus Mitleid verschenkt es alles, was es hat. Einem Hungrigen gibt es sein letztes Brot, einem Kind, das friert, schenkt es die Mütze, dem nächsten das Röckchen, und schließlich gibt es das letzte Hemd. Wohl nicht zufällig erzählt die Geschichte von einem Kind. Als Erwachsene spüre ich: Irgendwann spaziert die Angst ins Leben, nistet sich ein und macht sich breit: Hast du wirklich genug? fragt sie. Wird es denn reichen, was dir zur Verfügung steht? Zuerst Geld und Brot, Kleidung und Wärme? Dann aber auch Zeit, Kraft, Sinn und Lebendigkeit?

Gut, wenn einer die Sorgen ernst nimmt, die ich mir mache. Besser noch: wenn er nicht dabei stehen bleibt. Sondern mir Mut macht, etwas zu wagen: Verschenke von dem, was du hast, und zwar nicht nur von dem, was im Überfluss da ist. Sondern auch von dem, um das du dich sorgst. Riskiere deinen Reichtum und setz dich selber aufs Spiel.

Einfach ist das nicht. Ich könnte anfangen mit dem, wovon ich mehr als genug habe. Und dann mutiger werden und von dem geben, um das ich mich sorge. Vielleicht erfahre ich: Es ist mehr da als geglaubt. Und es bereichert mich, warmherzig und mitfühlend zu sein.

Vielleicht geschieht gar, was sonst nur im Märchen möglich scheint, wo dem Mädchen am Ende glänzende Sterntaler in den Schoß fallen. Vielleicht fliegt auch mir vom Himmel etwas zu, auf das ich gar nicht aus war: Freundschaft oder Verwegenheit, Glück oder Lebenssinn.

Tina Willms
„Der Gemeindebrief“

An(ge)dacht September 2019 – Eigene Grenzen erkennen

Eigene Grenzen erkennen

Wie wäre es, wenn ich mein Leben völlig grenzenlos gestalten könnte? Was würde ich tun? Was würde ich verändern? Klingt das nicht verlockend? Wäre das nicht ein Traum?

Ich könnte mich dann auf dieser Erde völlig frei bewegen, sozusagen durch Raum und Zeit schweben. Ich könnte die Nacht zum Tag machen und umgekehrt, Krankheiten ausmerzen, den Hunger besiegen, der Umweltzerstörung ein Ende setzen. Ich könnte das Leben verlängern, so lange ich wollte, könnte alles erwerben, was mir gefällt. Es gäbe weder Gut noch Böse, denn ich selbst wäre das Maß aller Dinge. Allerdings dürfte ich niemals zweifeln oder in Frage stellen, was ich tue. Ich müsste es durchziehen, auch ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt.

Aber wäre das nicht egal? Wenn ich doch in der Hand hätte, was geschieht, könnte ich ja verändern, wann und was ich wollte. Es würde keine Rolle spielen, wenn mal etwas danebengeht. Vielleicht.

Vielleicht aber würde diese Illusion der totalen Machbarkeit doch schnell zum Alptraum. Würde ich das aushalten? Denn: Niemand stünde mir zur Seite mit einem hilfreichen Rat oder einer Frage oder einer Grenze. Niemand würde sagen: Stopp, das geht zu weit, das tut nicht gut.

Würde mich die totale Möglichkeit nicht wie ein Tsunami überrollen und hinwegspülen? Meine engen Grenzen sind dann vielleicht doch zu guter Letzt meine Rettung.

Nyree Heckmann

An(ge)dacht August 2019 – Der Himmel öffnet Räume

Es ist soweit. Der Auftrag ist erteilt. Jetzt gelten keine Ausreden mehr und Weglaufen macht auch keinen Sinn. Jetzt muss ich Rede und Antwort stehen, mich in die Verantwortung nehmen lassen. Sozusagen das Wort unter die Füße nehmen und es zu den Menschen bringen.

Jetzt wird sichtbar werden, ob das von mir gesprochene Wort nur etwas verspricht, oder auch etwas verändert. Es muss nicht immer das ganz Große sein, auch ein klein wenig Veränderung gilt. Jetzt wird sichtbar werden, ob mein Gerede nur eine Wortblase ist, die zwar zum Himmel aufsteigt, dann aber auf Nimmerwiederhören verpufft. Oder ob es hilft, dass der Himmel zur Erde kommt: Damit der Sehnsuchtsort nicht in der Ferne bleibt, sondern zum Greifen nahe ist. Damit der heruntergekommene Himmel zwischen den Menschen einen Raum eröffnet, in dem sie sein dürfen, wie sie sind: krank, tot, aussätzig, boshaft.

Der Auftrag heißt: Rede mit ihnen, aber: Versprich ihnen nicht das Blaue vom Himmel herunter. Das wird sie verjagen, früher oder später, das bringt nichts. Aber mit ihnen um das Leben ringen, es dem Tod abtrotzen, es der Krankheit entreißen, ja auch der Boshaftigkeit. Das könnte gehen. An ihrer Seite, und zwar gemeinsam, da, wo es möglich ist. Und wenn es nicht geht – ja, das gibt es eben auch –, dann nicht darum herumreden, sondern loslassen. Abschied nehmen, sein lassen. Aber das dann um Himmels willen hier auf Erden!

Nyree Heckmann
„Der Gemeindebrief“

An(ge)dacht Juli 2019 – Gedanken reifen lassen

Gedanken reifen lassen

Geduld ist nicht gerade meine Stärke. Manchmal ärgere ich mich über mich selbst, wenn ich jemandem ins Wort falle oder nicht abwarten kann und einfach zugreife und lieber alles selbst mache. Dann geht es wenigstens schnell, denke ich. Damit entmutige ich Kinder, stoße Erwachsene vor den Kopf.
Das Zitat aus dem Jakobusbrief sollte für mich und gewiss auch für viele andere Zeitgenossen täglicher Begleiter sein. Es klingt so einfach: Hör genau hin, überleg dir deine Worte, sei doch nicht gleich so aufbrausend!

Die Hektik unserer Zeit ist keine Entschuldigung für vorschnelle Aktionen und heftige Reaktionen. Stellen Sie sich Jesus bei der Bergpredigt vor, kaum hätte er einen Satz zu Ende gesagt, gäbe es schon Sprechchöre und wütende Angriffe. Was wäre uns da verloren gegangen, hätten Menschen nicht zugehört und in Ruhe Fragen gestellt und manchmal einfach nur gute Worte und Ideen weitergegeben.

Hör doch bitte erst einmal hin, sortiere deine Gedanken, überlege genau, was du wie sagen willst und ball nicht gleich die Faust, wenn dir etwas nicht passt!

Geduld ist sicherlich nicht meine Stärke, genau hinzuhören habe ich aber inzwischen gelernt und Zornesfalten weitgehend verbannt. Das ist nicht nur eine Frage des Lebensalters oder des Berufes. Ich bin mir sicher: Die Lebens- und Glaubenserfahrung haben mich gelehrt, auf die Weisheit der Bibel zu hören. Sie trägt sehr gut im Alltag.

Carmen Jäger
„Der Gemeindebrief“

An(ge)dacht Juni 2019 – Gute Worte sind eine Wohltat

Unsere Sprache wird immer aggressiver und härter, fordernder und lauter. Brüllen hat Einzug in die gute Stube gehalten. Sogar in politischen Auseinandersetzungen sind Beschimpfungen an der Tagesordnung. In Schulen und Kindergärten spiegeln sich diese Verhaltensmuster wider. Gleichgültigkeit vor der äußeren und inneren Not eines Menschen geht quer durch alle Schichten der Gesellschaft.

Wie wunderschön dagegen dieser Satz aus dem Alten Testament: Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder. Schließen wir doch mal die Augen und schmecken ihm nach – ein sonniger Morgen, knusprige Brötchen mit Butter und Honig, dazu duftender Kaffee oder goldgelber Tee. Manch dunkler Schatten der Nacht, manch Schmerz in den Knochen verschwindet zwar nicht, wird aber zweitrangig.

Ein freundliches Wort kann ich nicht mit finsterem Gesicht sagen, und mit einem Lächeln im Gesicht kann ich nicht aggressiv werden. Körper und Seele gehören zusammen: unsere Sprache ist Ausdruck unserer körperlichen und seelischen Verfassung.

Ohne ein gutes Wort, ohne einen freundlichen Blick geht es mir schlecht. Und komischerweise trifft das nicht nur auf die Worte zu, die mir gesagt werden. Ich fühle mich auch sehr viel wohler, wenn ich lächeln kann und aufmunternde Worte für andere Menschen übrig habe. Vom Nektar der göttlichen Wegweisung zehre ich.

Carmen Jäger
„Der Gemeindebrief“